Harish träumt von fünf Sternen

In einem kleinen Raum mit rosa Wänden, durchzogen vom Geruch siedenden Öls, stellt Harish einen neuen Rekord auf. Sechs Jungs schauen ihm dabei bewundernd zu. Sie tragen hohe Kochmützen aus Papier. Ihr strahlendes Weiß sticht hervor, denn es ist ein wenig dunkel in dem Raum, in dem es nur zwei kleine Fenster gibt. Harish schaut konzentriert. Mit einer Hand balanciert er eine große gusseiserne Pfanne, auf der 15 Teigbrote liegen, über einem Gaskocher. So viele waren es noch nie. „Als ich hier angefangen habe, konnte ich das noch nicht“, sagt er und schmunzelt.

Harish ist einer der Jungen, die in der Straßenkinderküche der Organisation „Butterflies“ in Neu-Delhi zum Koch ausgebildet werden. „Butterflies“ wird unterstützt von der „2-Euro-helfen“-Aktion des Hilfswerkes MISEREOR und kümmert sich um Straßenkinder in der indischen Hauptstadt. Rund 500 000 Kinder leben und arbeiten auf den Straßen Neu-Delhis. Harish war lange einer von ihnen. „Butterflies“ unterstützt die Kinder in vielen Bereichen, kümmert sich um ihre Gesundheit, ihre Rechte und ihre Bildung. In der Straßenkinderküche werden sie ein Jahr lang zu Köchen ausgebildet und bekommen dadurch eine neue Perspektive. So auch Harish, der mit 15 von zu Hause ausriss. In der Hoffnung auf ein besseres Leben kam er nach Delhi. Dann lebte er neben den Gleisen am Bahnhof. „Ich habe ein bisschen Geld mit Betteln verdient. Die Zukunft, die habe ich verdrängt“, erinnert er sich. Dann fand er Unterschlupf in einer der Unterkünfte von „Butterflies“.

Dort lernte er auch die Straßenkinderküche kennen, denn sie beliefert die Unterkünfte jeden Tag mit frischem, gesundem Essen. Von da an wollte Harish Koch werden: „Am liebsten in einem der tollen Fünf-Sterne-Hotels.“ Die Einrichtung der Straßenkinderküche ist einfach: Es gibt ein paar Gaskocher, große Messingtöpfe und Pfannen, einen kleinen Vorratsraum. 200 Essen werden hier jeden Tag gekocht. Ein Großteil geht an die Kinder, die von Butterflies betreut werden. An den Wänden hängen bunte Bilder: die Ernährungspyramide und Hygieneregeln. In einem Raum wird gekocht, im anderen gelernt: Mathe, Englisch, Ernährungslehre. „Ich hätte am liebsten den ganzen Tag nur gekocht“, sagt Harish, „aber wir hatten auch ganz normalen Schulunterricht.“ Am Anfang habe ihm das keinen Spaß gemacht: „Nach der Freiheit auf der Straße musste ich mich an die Stundenpläne erst gewöhnen.“ Er ist froh, dass er durchgehalten hat. „Das Kochen gibt mir das Gefühl, etwas zu können. Das hatte ich vorher nie.“ Ein Kochbuch braucht Harish nicht mehr. Mittlerweile hat er alle Rezepte im Kopf: Currys, rote Linsen, Chapati-Brote. Am Ende geht Harishs Traum von fünf Sternen in Erfüllung: Nach einem Praktikum in Delhis Top-Hotel Taj Mahal bekommt der ehemalige Straßenjunge nun einen Vertrag als Koch im Fünf-Sterne-Hotel.

Fakten zur Straßenkinderküche

  • Vor 8 Jahren wurde die Gemeinschaftsküche von Butterflies ins Leben gerufen.
  • 1 Jahr dauert die Ausbildung zum Koch in der Lehrküche von Butterflies.
  • 20-25 Straßenkinder werden jährlich in der Straßenkinderküche zu Köchen ausgebildet.
  • 500 indische Rupien (umgerechnet rund 8 Euro) bekommen die Auszubildenden pro Monat
  • 6 Mal in der Woche kommen die Auszubildenden in die Straßenkinderküche
  • 2 Mal am Tag kochen die Köche in der Straßenkinderküche eine warme Mahlzeit
  • 1 Ernährungsberater, ein Ausbildungskoch und ein Sozialarbeiter betreuen die Lehrlinge in der Straßenkinderküche
  • 1 Stunde dauert die Fahrt in der Riksha von der Lehrküche bis zur Unterkunft der Straßenkinder an der das Essen verteilt wird
  • 200 Essen werden in der Straßenkinderküche pro Tag gekocht.
  • 30 indische Rupien (rund 50 Cent) kostet eine warme Mahlzeit auf der Straße